Neue Schule

Die Revolution der Schule

Das Schulsystem muss sich vollständig verändern. Es gibt keinen Grund, weiterhin eure Kreativität, Individualität und Lebenslust zu verschwenden. Die Arbeit der Zukunft braucht nicht die Art von Schülern, die jetzt die etablierte Regelschule durchlaufen. Vor allem aber braucht eine gesunde Demokratie Menschen, die deren Vorteile schon in der Schule erkennen, für die sozialer Zusammenhalt selbstverständlich ist, die ihren Kopf für eigene, kritische Gedanken benutzen können und den Mut haben, sie auszusprechen.

Hier ein paar Eckpunkte für eine neue Schule:

Die Werte werden neu definiert

Schüler lernen selbstbestimmt. Sie wissen, was sie laut Rahmenlehrplan lernen sollen. Lernlandkarten zeigen den Weg und erklären, welche Grundlagen nötig sind, um ein Ziel zu erreichen. Wann, wie und in welchem Zeitraum sich Schüler die Inhalte erschließen, liegt in ihrer eigenen Hand.

Schüler arbeiten zusammen, lernen von ihren Mitschülern und vertiefen ihr Wissen, indem sie anderen etwas erklären. Gruppenarbeit ist normaler Bestandteil des Lernens.

Das soziale Miteinander steht über allem anderen, auch über der „Leistung“. Wenn größere Probleme wie Ausgrenzung, Mobbing, Gewalt oder Streit auftreten, steht alles andere still, bis der Konflikt gelöst ist, alle Seiten einen guten Weg zur Versöhnung oder Klärung gefunden haben.

„Leistung“ wird umdefiniert. Noten sagen nur wenig über das Potential eines Menschen aus. Sie tragen zur Ausgrenzung von Schülern bei und zum ständigen Vergleich der Schüler untereinander. Sie erzeugen Druck, schlimme Gefühle und Bauchschmerzen. Sie sind nicht nur total überflüssig, sondern in ihrem Potential des Leids, das sie in jungen Menschen und ihren Familien erzeugen, geradezu kriminell.

Hausaufgaben gibt es nicht mehr. Schluss mit dem Diebstahl wertvoller Lebenszeit! Inhaltliches Lernen findet in der Schule statt. Außerhalb gibt es Entspannung und Lernen beim Leben.

Neue Schulen definieren als ersten Schritt ihren eigenen Wertekatalog, der für alle verbindlich ist.

Demokratie in die Schule!

Das demokratische Prinzip wird bereits in der Schule gelebt. Schüler entscheiden darüber mit, wie gelernt wird, welche Regeln gelten und welche Konsequenzen es bei Verstößen geben soll.

Klassische Hierarchien in der Schule werden abgeschafft, demokratische Entscheidungsstrukturen geschaffen. Wenn Lehrer Schüler duzen, dann sollten auch die Schüler die Lehrer duzen.

Selbstbestimmung heißt auch, mit welchen Partnern man etwas lernen möchte. Wenn die Chemie mit einem Lehrer nicht stimmt, kann ein Schüler mit einem anderen Lehrer zusammenarbeiten.

Das Lernen verändert sich: Lernplattformen

Frontalunterricht wird abgeschafft. Zwar können Lernbegleiter oder Schüler in kurzen Blöcken (max. 10 Minuten) zu Themen referieren, der klassische Unterricht „Lehrer vorne – Schüler sitzen und hören zu/schreiben mit“ sollte aber endgültig begraben werden.

Erstes Ziel ist das Lernen in Kontexten – statt nach Fächern werden die Inhalte fächerübergreifend nach Themen erarbeitet. Ganz wichtig wird das „lebendige Lernen“ genommen: Indem sich die Schüler Wissen selbst mit Hilfe von Materialien erarbeiten, die möglichst „anfassbar“ sind, sich Experten in die Schule holen oder Ausflüge und Praktika machen.

Der Rhythmus von Schulstunden wird aufgehoben. Kein normaler Mensch würde im Stundentakt unterschiedliche Dinge lernen. Ganz im Gegenteil zeichnet sich nachhaltiges, tiefes Lernen dadurch aus, dass man ohne Zeitdruck intensiv in ein Thema eintauchen kann, das einen gerade interessiert.

Neue Technologien werden fester Bestandteil der Schule. Alles, was sich spielerisch erlernen lässt, sollte auch so angeboten werden. Schüler und Lehrer arbeiten ab sofort an „Lernmaterialien“ und stellen diese auf einer Plattform für alle anderen Schulen zur Verfügung. Zum Beispiel ein Spiel, mit dem sich die Multiplikation üben lässt oder das Nachstellen von geschichtlichen Szenen, die andere Schüler dann mit VR-Brillen (Virtual Reality) aktiv miterleben können. Rhetorisch besonders fähige Lehrer und Schüler erklären Inhalte auf Video und stellen sie auf dieser Lernplattform für alle ein.

Alles Schulwissen steht in Form von Kurzvorträgen nach dem Prinzip der Khan-Academy im Internet zur Verfügung. Jede und jeder kann sich das Wissen zur gewünschten Zeit abrufen, einprägen oder wiederholen, so oft er oder sie möchte.

Es gibt neue Themengebiete, die in der Schule eine mindestens genau so große Rolle spielen wie die Wissensfächer. Das sind zum Beispiel Methoden, um Frieden mit quälenden Gedanken zu schließen, eine engere, liebevolle Beziehung zum eigenen Körper zu entwickeln, Strategien zu gewaltloser Kommunikation und Konfliktlösung. Auch der Umgang mit Technologie und Innovation, das Erlernen von Programmierkonzepten, die Auseinandersetzung mit der E-Persona, der Sammlung von Daten über einen Menschen, die im digitalen Zeitalter immer wichtiger wird, kommt auf den „Lehrplan“.

Lehrer werden Lernbegleiter

Lehrer machen Fortbildungen, um vom klassischen Lehrer zum Lernbegleiter zu werden. Kollegien nehmen sich immer wieder Auszeiten, zum Beispiel in Form von Teamtagen, um zu lernen, wie ihre Rolle als Lernbegleiter an einer neuen Schule aussieht.

Lehrer qualifizieren sich in gewaltfreier Kommunikation.

Anstatt den immer wieder gleichen Unterricht immer wieder erneut vorzubereiten, erlauben Lernbegleiter den Schülern, bestehende Ressourcen zu nutzen. Sie gewinnen damit eine sehr große Menge Zeit, die sie sinnvoll in die individuelle Betreuung der Schüler investieren.

Lernbegleiter sind da, um Fragen zu beantworten, Tips zu geben, zu erkennen, wo Schüler Unterstützung brauchen, Mut zu machen und zu inspirieren.

Lernbegleiter respektieren jeden Schüler in seiner Einzigartigkeit. Sie versuchen nicht, ihn um jeden Preis an ein abstraktes System anzupassen und seinen Willen zu unterwerfen.

Lernbegleiter denken an ihre eigene Gesundheit und ihr Wohlfühl-Gleichgewicht. Sie leben vor, wie man auf sich selbst aufpasst.

Es braucht viel mehr erwachsene Menschen an der Schule als Lernbegleiter, zum Beispiel Eltern, die Projekte anbieten, Leute, die ein Freiwilliges soziales Jahr oder ein Praktikum machen. Grundlage ist dabei immer, dass sich alle an das Wertesystem der Schule halten.

Eltern fühlen sich verantwortlich für die Qualität der Schule, sie sind in die Schule mit eingebunden. Sie helfen dabei, Räume zu renovieren und organisieren die Mittel, die für Projekte oder Umgestaltung benötigt werden, zum Beispiel mit Hilfe von Crowdfunding.

Schüler, Lernbegleiter und Eltern, die Strukturen hinterfragen und neue Vorschläge machen, erfahren höchste Anerkennung.

Schrittweise Revolution ohne Angst

Es ist nicht nötig, die neue Schule schon im Vorfeld exakt zu definieren. Fehlerkultur ist eine Kunst, die wir alle erlernen sollten. Fehler sind Teil des Prozesses, sie zeigen, was noch besser gemacht werden kann. Firmenbosse pilgern derzeit ins Silicon Valley und versuchen dann, in ihren Unternehmen eine neue Fehlerkultur ohne Scham und Schande einzuführen. Nur solche neuen Firmen (Startups) bekommen von Wagniskapital-Gebern Geld, die nachweisen können, dass sie schon ein paarmal gescheitert sind. Aus Fehlern zu lernen, mit Scheitern konstruktiv umzugehen, ist eine Fähigkeit, die mehr denn je benötigt wird – speziell in einer Welt, in der sich alles stetig verändert.

Der Rahmenlehrplan muss dringend abgespeckt werden auf das Notwendigste. Schon in der Schule soll Raum entstehen, sich auf das zu konzentrieren, was dem einzelnen Schüler besonders wichtig ist, sein spezifisches Talent auszuleben, anstatt sich mit Lerninhalten zu verzetteln, bei denen er Zeit investiert, um Schwächen auszubügeln.

Es gibt nicht beides: Panisches Festhalten an traditionellen Rahmenlehrplänen und das Aufwachsen von Menschen, die selbstbewusst und selbstbestimmt ihren eigenen Weg gehen. Es ist nicht für alles Zeit: Wir müssen entscheiden, was wichtiger ist.

Für alle, die jetzt heftig zusammenzucken: Diese Modelle werden bereits von vielen Alternativschulen seit Jahrzehnten erfolgreich gelebt. Viele Erwachsene können sich auch partout nicht vorstellen, dass Kinder Inhalte aus eigenem Antrieb lernen. Das Mathewissen der Grundschulzeit zum Beispiel  kann sich jedoch ein Schüler, der sich selbst dafür entscheidet und konsequent aus eigenem Antrieb daran arbeitet, innerhalb von zwei Monaten beibringen.

Die Schulpflicht selbst muss als Machtmittel zur Unterdrückung dringend abgeschafft, oder zumindest reformiert werden. Um eine minimale Zahl von Kindern zu schützen, müssen alle leiden. Um diese Kinder zum Beispiel von religiös extremistischen Eltern zu schützen, lassen sich ganz sicher andere Wege finden. Schulpflicht heißt auch: In einigen Bundesländern werden Schulschwänzer ins Gefängnis gesteckt. Das ist einfach abartig.

In den treffenden Worten von Salman Khan („Die Khan Academy“):

Trotz aller Mühen und Gelder für das Bildungssystem sind keine Fortschritte erkennbar. Dies führte zu der zynischen Frage, ob man das System überhaupt systematisch verbessern könne. Noch beunruhigender ist, dass viele einfach nicht zu erkennen scheinen, worum es bei der Misere eigentlich geht. Es geht nicht um Punktzahlen und Abschlussquoten, sondern darum, wie diese Dinge sich auf das Leben der jungen Menschen auswirken. Es geht um ausgeschöpftes oder verschwendetes Potenzial, um gewährte oder versagte Menschenwürde.

Aber statt etwas zu tun, wird immer weiter über behutsame, stufenweise Veränderungen geredet. Entweder wegen mangelnder Vorstellungskraft oder aus Angst anzuecken, enden die Diskussionen in der Regel ein gutes Stück vor den grundlegenden Fragen der Bildungsmisere und konzentrieren sich auf eine Hand voll altbekannter, aber überflüssiger Obsessionen wie Punktzahlen und Quoten.