An die Eltern

Es ist Zeit für einen Wandel in der Schule. Vor allem die Eltern müssen jetzt Mut beweisen, über den Tellerrand schauen und ihren Kindern den Rücken stärken.

Eltern wollen für ihre Kinder das Beste. In den letzten Jahrzehnten hat sich viel in der Erziehung verändert, die meisten Menschen möchten gute Eltern sein und ihren Kindern ein gesundes Aufwachsen ermöglichen. Dafür wurde zum Glück bereits mit vielen Erziehungstraditionen gebrochen, die Gewalt und Demütigung beinhalten. Zugleich hat in den letzten Jahren ein seltsames Rennen begonnen, das darin besteht, schon Kindergartenkinder auf einen vermeintlichen beruflichen Konkurrenzkampf vorzubereiten. Das ist vielleicht kein Wunder. Erst seit vergleichsweiser kurzer Zeit gibt es einen Umbruch im Arbeitsmarkt: Während Menschen früher nicht selten ein Leben lang im gleichen Job für das gleiche Unternehmen arbeiteten, hat sich das radikal gewandelt. Die Menschen begannen, um ihre Jobs zu fürchten. Plötzlich sollten auch Lebensläufe gespickt sein mit Auslandsaufenthalten und außergewöhnlichen Anstrengungen. Unter anderem drückt sich der neue Mangel an Kontinuität in Angst aus. Diese Angst um einen potentiellen Arbeitsplatz für das Kind, der das fürs Überleben und den Lebensstandard nötige Einkommen sichert, ist eine treibende Kraft in der Weise, wie Eltern ihre Kinder erziehen. Aber indem wir die Kinder unter diese Art von Existenzdruck setzen, zerstören wir den nötigen Raum für eine entspannte Entwicklung, die wir ihnen doch auch wünschen. Die Hauptfrage dabei lautet:

Wissen wir überhaupt wirklich, worauf sich unsere Kinder vorbereiten sollen?

Schon die berühmte Anthropologin Margaret Mead stellte bereits Anfang der 60ger Jahre fest, dass sich etwas Grundlegendes im Zusammenspiel der Generationen verändert hat. Es gibt nicht mehr die alte Kontinuität. Ekkehard von Braunmühl zitiert sie in seinem Buch „Antipädagogik“ von 1975 mit folgenden Worten: „Wie ich meine, sehen die heutigen Kinder einer Zukunft entgegen, die so weitgehend unbekannt ist, dass man sie nicht, wie wir es gegenwärtig zu tun versuchen, als einen Wandel auf Generationsbasis mit Kofiguration [„eine Kultur, in der die Mitglieder der Gesellschaft ihr Verhalten nach dem Vorbild der Zeitgenossen ausrichten“] innerhalb einer stabilen, von den Älteren kontrollierten und nach elterlichem Vorbild geformten Kultur unter Einschluss zahlreicher postfigurativer Elemente behandeln kann. […] Nunmehr müssen wir offene Systeme schaffen, die sich auf die Zukunft konzentrieren – und damit auf die Kinder, auf diejenigen, über deren Fähigkeiten wir noch am wenigsten unterrichtet sind und deren Entscheidungsfreiheit nicht vorgegriffen werden darf. Damit anerkennen wir ausdrücklich, dass die Wege, die uns in die Gegenwart geführt haben, nicht mehr gangbar sind und nie wieder begehbar sein werden“.

Von Braunmühl fasst das so zusammen: „Während es nach Meads Typologie früher legitim war, Kinder um ihrer Zukunft willen gemäß den Vorstellungen der Erwachsenen gezielt zu beeinflussen, zu führen, ihnen Fremdbestimmung aufzuerlegen, kann heute Zukunft nur noch werden, wenn ‚die Jungen Eigeninitiative in vollem Umfang entfalten und den Älteren den Weg ins Unbekannte weisen können‘ (Mead).“ Spätestens wenn man sein Kind fragen muss, wie man am besten sein neues Smartphone einrichtet, wird klar, was damit gemeint ist.

Viele Schüler machen schon nicht mehr mit

Wir leben noch in der Jetztzeit mit den beängstigenden Erfahrungen einer Umbruchsituation. Aber das ist keine Basis für das, was unsere Kinder morgen brauchen. Die Arbeitswelt von morgen wird eine andere sein, und das, was die Schule im Großen und Ganzen derzeit „leistet“ ist das Abtrainieren der Eigenschaften, die künftig am nötigsten gebraucht werden: Selbstbestimmtheit, Leidenschaft, Nicht-Konformität, Individualität, Innovationskraft, Kreativität.

Viele Eltern spüren, dass ihre Kinder in der Schule nicht glücklich sind. Und tatsächlich sind immer öfter Stimmen von Eltern zu hören, die sich Sorgen um ihre Kinder, meist Töchter, machen, die „überfunktionieren“, ganz viel Freizeit für die Schule opfern und sich ständig unter Druck setzen, alles perfekt zu machen. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul wundert sich in seinem Buch „Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr hilft“ darüber, dass (deutsche) Eltern nicht längst schon einen Aufstand gegen das Schulsystem unternommen haben, das nach alter Manier das „Management by Fear“ praktiziert und Kinder mit Noten ohne Blick auf ihr Potential in Schubladen steckt. Er bringt auf den Punkt, wie schizophren die Situation ist:

„Die Angst vor dem System und dem möglichen sozialen Fiasko der Kinder verleitet die meisten Eltern nicht nur dazu, den Status quo zu akzeptieren, sondern auch ihre Kinder im Stich zu lassen, wenn diese plötzlich »Schulprobleme« bekommen. Ich räume gern ein, dass Eltern vor einer ungeheuer schwierigen Entscheidung stehen, die zum riskanten Drahtseilakt werden kann: Sollen wir uns mit dem System solidarisieren, was unsere Kinder sowie unsere Beziehung zu ihnen womöglich unerträglichen Belastungen aussetzt, oder sollen wir ihnen den Rücken stärken, obwohl wir befürchten müssen, damit ihre Zukunftsaussichten aufs Spiel zu setzen?“

Juuls Rat ist, den Kindern den Rücken zu stärken. Es bleibt schließlich auch die Frage, wie stark sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Leistung in den nächsten Jahren ändert, wenn immer mehr Jobs – auch von Wissensarbeitern, auch in der Mittelschicht – automatisiert werden und das Thema bedingungsloses Grundeinkommen in den Vordergrund rückt. Eine Studie der Oxford University von 2016 kommt zum Schluss, dass in den USA 47 Prozent aller Arbeitsplätze durch die nächste Automatisierungswelle in Form von Künstlicher Intelligenz und Robotik wegfallen könnten. Das ist praktisch die Hälfte!

Nachhaltiges Lernen

Es gibt aber noch ein weiteres wichtiges Argument gegen Schule, wie sie derzeit in der Breite ist: Die Qualität des Lernens. Gehirnphysiologen wie Prof. Gerald Hüther haben bereits nachgewiesen, dass die bisherigen Methoden schulischer Wissensvermittlung sagenhaft ineffizient sind. Menschen lernen dann am besten, wenn sie intrinsisch motiviert sind, wenn sie Dinge „be“-greifen können und wenn sie in einer entspannten Lernatmosphäre sind. Hüther und der Philosoph Richard David Precht haben einen Feldzug für eine andere Schule begonnen, darüber in zahlreichen Talkshows berichtet und gemeinsam mit anderen die Initiative „Schule im Aufbruch“ gegründet. Doch noch zählt das Programm, das einen Leitfaden für einen solchen Veränderungsprozess an die Hand gibt, nur ein paar Handvoll Schulen. Das System zu verändern, gestaltet sich äußerst zäh. Das liegt auch daran, dass die Eltern weiter mitmachen. Wer sein Kind schützen will, wählt vielleicht noch freie Privatschulen, wo es sie gibt. Aber das ist Luxus. Es ist Zeit, dass sich die Eltern insgesamt gegen das System Schule auflehnen. Wie können aus den vielen gestressten Kindern und Jugendlichen denn glückliche, gesunde Erwachsene werden? Schon jetzt ist die Zahl der Menschen, die spätestens während des Studiums ausgebrannt sind, erschreckend hoch. 56 Prozent der befragten Kids gaben an, zu wenig Zeit zum Ausruhen zu haben, fast ein Drittel fühlt sich von der Schule gestresst, so eine LBS-Studie. Und wir selber sind häufig auch keine guten Beispiele. Die genannten Umbrüche des Arbeitsmarktes haben uns zusammen mit dem Vorrücken der Mobilität und mobilen Endgeräten, die das Bedürfnis nach ständiger Erreichbarkeit geweckt haben, in eine eher ungesunde Selbstausbeutung getrieben. Eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Personalmanagementfirma ADP unter 11 000 Beschäftigten in acht Ländern zeigt, dass in Deutschland jeder Zweite Stress im Beruf spürt.

Natürlich kann eine Familie allein nicht viel ausrichten. Doch indem man sich mit anderen Eltern aus dem Klassenverbund zusammentut, Kontakt aufnimmt zu Elternvertretern der anderen Klassen oder zur Gesamtelternvertretung und vorschlägt, die Schulleitung dazu zu bewegen, eine „Schule im Aufbruch“ zu werden, lässt sich sicher einiges verändern. Im Zweifel gibt es ja die Möglichkeit, zu demonstrieren und eine große Informationsveranstaltung zu organisieren. Sich für ein solches Ziel zu engagieren, hat viele Vorteile. Es schweißt Eltern und Kinder zusammen und gibt ein gutes Gefühl von Lebendigkeit und Selbstermächtigung, davon, etwas zum Guten bewegen zu können.

Thomas Sattelberger, Ex-Personalchef von Lufthansa und Telekom, fordert „mehr Rebellen in die Chefetagen“.  „Ein ganz wichtiges Thema einer nach vorne gerichteten HR-Funktion ist, dass sie ‚Clubs der toten Dichter‘ schafft. So wie man für Innovation im technologischen Bereich manchmal wie beim BMW i3 eigene Räume braucht, braucht man im Grunde für die Entfaltung von Talent  Räume, die anders sind, als die industrielle Abrichtung in den Legehennenfabriken der Konzerne. Da muss nebendrein noch was anders sein. Nix gegen Effizienz, aber 100 Prozent Effizienz zerstört Talent für die Zukunft“, so Thomas Sattelberger.

Autorin: Daniela Hoffmann