Traditionelle Schule macht Schüler und Lehrer krank

Die große Zahl der Menschen, die unter Schule (gesundheitlich) leiden, ist ein wichtiger Grund, das bestehende Schulsystem zu verändern. Ein Drittel der Schüler leidet unter Stress, psychosomatische Krankheiten und Depressionen nehmen zu.

Bereits in 2014 warnten Kinder- und Jugendärzte auf ihrem bundesweiten Kongress: Schule macht krank! Ihre Praxis zeigt, dass immer mehr Kinder unter Depressionen und Konzentrationsschwäche leiden. „Viele der gesundheitlichen Störungen von Schülern, vor allem solche psychischer oder psychosomatischer Art, hängen eng mit dem System Schule zusammen“, sagte der Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin der „Süddeutschen Zeitung“. Statt mit herkömmlichen Kinderkrankheiten haben es die Mediziner immer öfter mit Depressionen, Angst- und Schlafstörungen und psychosomatischen Störungen zu tun.

Laut einer Pressemitteilung ihres Berufsverbands BVKJ sind die deutschen Jugendärzte überzeugt, „dass schulische Bildung unterfinanziert ist und deshalb krank macht. Schulische Spitzenleistungen allein machen junge Menschen nicht zufrieden. Das Schulsystem ist in vielen Bereichen nicht an den Bedürfnissen der Lehrer und Lehrerinnen oder gar der Schüler und Schülerinnen ausgerichtet“. Nur zum Überblick: Insgesamt gab es im Schuljahr 2015/2016 in Deutschland ungefähr 8,33 Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen.

Stress bei jedem dritten Schüler

Ein Drittel der Kinder fühlt sich regelmäßig von der Schule gestresst, fand das LBS-Kinderbarometer 2015 heraus. Befragt wurden bundesweit 11.000 Kinder im Alter von neun bis 14 Jahren. Damit ist die Schule mit Abstand der größte Stressfaktor, denn häufigen Druck von Eltern zum Beispiel empfinden nur 15 Prozent der Kinder. 56 Prozent der befragten Kids gaben an, zu wenig Zeit zum Ausruhen zu haben, gut die Hälfte hat nicht genügend Zeit, um mit Freunden zu sprechen. Insgesamt stellten die Forscher fest, dass Kinder einem relativ hohen Stressniveau ausgesetzt sind. In der Schule und im Umgang mit den Eltern nimmt die Anspannung mit fortschreitendem Alter weiter zu. Und das bleibt nicht ohne Folgen, wie die Befragung zeigt: Je höher der Stress, desto unwohler fühlen sich die Kinder.

Das ist auch kein Wunder, wenn man die Zeit bedenkt, die Schüler pro Woche arbeiten: Eine Umfrage von Unicef und dem Deutschen Kinderhilfswerk kam 2012 zu dem Ergebnis, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland durchschnittlich mehr als 38,5 Stunden in der Woche in der und für die Schule arbeiten. Das entspricht der zeitlichen Arbeitsbelastung  eines Vollzeitjobs bei Erwachsenen. In den Klassen neun bis 13 sollen es sogar mehr als 45 Stunden sein.

Schon 2010 stellte eine Studie der Leuphana-Universität im Auftrag der Krankenkasse DAK fest, dass jeder dritte Schüler in Deutschland  von regelmäßigen Stress-Symptomen berichtet. Besonders betroffen sind demnach Mädchen: 40 Prozent haben mehrmals in der Woche psychosomatische Beschwerden, Rücken- oder Kopfschmerzen. Befragt wurden für die Studie 4.500 Jungen und Mädchen im Alter von zehn bis 21 Jahren an 15 Schulen in vier Bundesländern.

Selbstausbeutung als Gesellschaftstrend

Es ist eine interessante Analogie, dass es zum einen immer mehr erwachsene Menschen mit Burn-out-Symptomen gibt und zum anderen die Schüler nicht nur im verkürzten Abitursystem auf diese Art von Selbstausbeutung gedrillt werden – die keine Pausen und Auszeiten erlaubt, bis alle Ressourcen aufgebraucht sind. Laut der Bella-Studie des Robert-Koch-Instituts sitzt in jeder zweiten Klasse ein Mädchen mit Erschöpfungsdepression.

Der Druck kommt dabei gar nicht mal direkt von den Eltern. Ganz grundsätzlich liegen die Panik vor gesellschaftlichem Abstieg und die Angst, ohne Abitur keine Perspektive zu haben, sozusagen in der Luft. „Es sind die Jugendlichen selbst, die sich unter Druck setzen. Da haben in den vergangenen Jahren unglaubliche Selbstdisziplinierungsprozesse stattgefunden. Die heutigen Jugendlichen wollen gut sein, ganz ohne Antrieb von außen. Oder eher: perfekt“, erklärte Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort der Zeitung „Die Zeit“ in 2014.

Eine andere Ausprägung des krankmachenden Systems Schule ist die massenweise Zwangsmedikation von Kindern und Jugendlichen mit Präparaten, die sie gefügig machen und im eigentlich kranken Kontext Schule „funktionieren“ lassen sollen, Stichwort Ritalin. Dabei ist stundenlanges Rumsitzen nicht nur ungesund. Den Schülern wird die Möglichkeit versagt, herumzutoben, in der Natur zu sein und zu spielen: Ein komplett menschenfeindlicher und unnatürlicher Umstand.

Auch die Gesundheit von Lehrern leidet

Dem anderen Teil der schulischen Gleichung, dem „Lehrpersonal“, geht es nicht besser. Eine Langzeitstudie des Frankfurter Schulforschers Udo Rauin ergab laut der „Süddeutschen Zeitung“, die Mehrzahl der im Beruf ausgebrannten Lehrer sei schon im Studium überfordert. Rund ein Viertel der Studenten will demnach den Job eigentlich gar nicht machen. In einer groß angelegten Lehrerstudie mit rund 20.000 Lehrern kam der Psychologe Uwe Schaarschmidt zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Student und Referendar ein „resignativer Typ“ ist.

Zwar sind die Statistiken recht unterschiedlich, zudem werden die Krankenstandszeiten von Lehrern in einigen Bundesländern nicht erfasst: Dennoch entsteht das Bild, dass in dieser Berufsgruppen die psychosomatisch bedingten Krankheiten und Langzeitkrankheiten besonders hoch sind. Je nach Bundesland varieren die Zahlen der letzten Jahre zwischen 10 und 39 Tagen. Knapp acht Wochen pro Jahr fehlen krankheitsbedingt laut Zahlen aus 2015 die Berliner Lehrer. Laut Süddeutscher Zeitung gibt die Bildungsgewerkschaft (GEW) die gestiegene Arbeitsbelastung als Grund für die hohen Zeiten an. Ein Faktor sei, dass die Zahl der Förderkinder an den staatlichen Schulen von 5.000 auf 12.000 gestiegen sei, aber keine neuen Stellen geschaffen wurden. „Die Kolleginnen und Kollegen erleben ihren beruflichen Alltag dadurch zunehmend als Belastung“, zitiert die Zeitung den GEW-Sprecher Tom Erdmann.

„Mein Kopf ist voll. Zu voll. Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen? Dabei gehe ich gern zu Schule. Ich glaube, viele von euch (und Ihnen) wissen, was ich meine. Bei mir war es in den letzten Wochen vor den Sommerferien am schlimmsten. Wir mussten alle Arbeiten hintereinander schreiben. Klar, dass das nicht gut laufen konnte. Was bringt uns dieser Stress? Was haben unsere Eltern davon, dass wir ihre Rente in 30 Jahren sichern, aber heute schon kaputt gemacht werden? Das, was ich hier schreibe, geht jeden etwas an: Schüler, Eltern, Geschwister, Lehrer.“

Mit ihrem Leserbrief an die „Zeit“ rüttelte die Gymnasiastin Yakamoz Karakurt im Jahr 2011 kurz mal die mediale Diskussion um Schule auf. Ansonsten bleibt das Problem: Jugendliche und Kinder kommen in der öffentlichen Diskussion bisher einfach nicht zu Wort.