Bildung als Grundrecht

„Im Innersten ist niemand dazu bestimmt, gewöhnlich zu sein. Wir wurden geboren, um Kometen zu sein, durch Raum und Zeit zu rasen – unsere Spur zu hinterlassen, während wir in alles einschlagen“, sagt Donovan Livingstone.

Vor wenigen Tagen ging das Video der Abschlussrede von Donovan Livingstone durch die Medien. Der Absolvent der berühmten Harvard-Universität in den USA hat eine Poetry-Slam-artige Abschlussrede gehalten, in der er das Recht auf Bildung vor allem für Afroamerikaner thematisiert. Zugleich ist seine Rede ein Apell, endlich das wahre Potential von Schülern zu erkennen und ihm Raum zu geben.

Damit trifft Livingstone einen wunden Punkt: Das traditionelle Schulsystem macht den Schüler klein, beschneidet seine Individualität und seine Kreativität, bringt Schüler auf die Spur zum folgsamen Untertan, der perfekt auf die „from nine to five“-Arbeitswelt eingestellt ist.  In seinem Film „Alphabet“ beschreibt Regisseur Erwin Wagenhofer, wie unendlich die die Kreativität noch eines Kindergartenkindes ist und wie sie im Lauf der Schuljahre immer geringer wird. Das mag übertrieben radikal formuliert sein, und doch können sich wohl viele Menschen erinnern, wie sie als Kinder eine schier maßlose Phantasie hatten, beim Malen, Basteln und Träumen.

Kürzlich fragte Theodor Ziemßen für die „Elterncouch“ auf „Spiegel online“: „Kinder sind erstaunliche Künstler: Sie bauen echte Mondraketen aus Lego und wilde Tiger aus Klorollen und Tesa. Warum können wir das nicht? Und wie geht diese tolle Fähigkeit verloren?“. Er beschreibt, wie beim Legospiel bei seinem kleinen Sohn eigene, erstaunliche Welten entstehen: „Wenn ich selbst mit Lego baue, passiert etwas Trauriges: Ich habe das Bild einer Mondrakete im Kopf, vielleicht sogar einen langweiligen Durchschnitt aller Mondraketen, die ich bisher gesehen habe – im Internet, in Filmen, Groschenromanen, Comics, Museen“, berichtet Ziemßen. „Dann käue ich meist – in sklavischer Einhaltung eben dieser Symmetrie (der lahmsten Form von Schönheit) – mein Bild von einer Mondrakete  mit Legosteinen wider. Meist ist es ganz okay. Aber nie das Bild aus meinem Kopf – und selten überraschender.“

In der Arbeitswelt von morgen kommt es gerade auf diese Fähigkeit an, aus dem Nichts etwas Neues zu erschaffen, ganz ungewöhnliche Lösungen zu finden, „out of the box“ zu denken. Heute schon sollen sich Mitarbeiter in Unternehmen überlegen, welche Chancen in neuen Technologien wie dem Internet der Dinge stecken und wie sich Geschäftsmodelle damit verändern lassen. Vielen fällt das schwer, denn diese Fähigkeiten werden in Schulen systematisch erstickt. Hinterfragen, um die Ecke denken und unkonventionell sein, diese Eigenschaften sind ja gerade nicht gefragt.

Manche Schüler haben das Glück, einen Lehrer zu treffen, der einen Funken in ihnen entzündet.  Livingstone beschreibt sein Erlebnis so: „Ich war in der siebten Klasse, als Mrs. Parker mir sagte: ‚Donovan, wir können deine überschüssige Energie gut gebrauchen‘. Und dann machte sie mich mit dem Klang meiner eigenen Stimme bekannt. Sie gab mir eine Bühne. Eine Plattform. Sie sagte mir, unsere Geschichten sind Leitern, die es leichter für uns machen, die Sterne zu berühren. Also klettere und greif sie dir“. Das Glück hat nicht jeder Schüler. Doch ein Schulsystem, das nicht auf Erziehung und das Eintrichtern von Wissen aus ist, sondern auf Begleitung, könnte diesen Effekt vielleicht regulär erzielen. Ein Schulsystem, in dem Schüler in Eigenverantwortung Themen erarbeiten, die sie interessieren, in dem es vor allem um Inspiration und Unterstützung geht, darum, zu lernen, wie man lernt, wie man an Wissen gelangt – ergänzt vielleicht um einen verbindlichen Kanon aus den Rahmenlehrplänen – dessen Inhalte dann gelernt werden, wenn der einzelne Schüler dazu bereit ist, und in einem Gesamtkontext, anstatt in kleinen Ausschnitten, die das Gelernte entwerten, weil es nur als sinnloser Informationshappen wahrgenommen wird.

Die wesentliche Aufgabe eines neuen Schulsystems besteht allerdings darin, den Kindern das Selbstbewusstsein zu vermitteln, dass sie einfach so perfekt sind, wie sie sind, und ihr Potential wertzuschätzen. „Ich bin viel zu lang ein Schwarzes Loch im Klassenraum gewesen; habe alles absorbiert, ohne mein Licht entweichen zu lassen. Aber diese Tage sind vorbei. Ich gehöre zu den Sternen. Und du auch. Und sie auch. Gemeinsam können wir die Inspiration sein für ganze Galaxien der Großartigkeit, für kommende Generationen. Nein, der Himmel ist nicht das Limit, er ist nur der Anfang. Hebt ab”, sagt Donovan Livingstone.

Originaltext der Rede von Donovan Livingstone:

“Education then, beyond all other devices of human origin,

Is a great equalizer of the conditions of men.” – Horace Mann, 1848.

At the time of his remarks I couldn’t read — couldn’t write.

Any attempt to do so, punishable by death.

For generations we have known of knowledge’s infinite power.

Yet somehow, we’ve never questioned the keeper of the keys —

The guardians of information.

Unfortunately, I’ve seen more dividing and conquering

In this order of operations — a heinous miscalculation of reality.

For some, the only difference between a classroom and a plantation is time.

How many times must we be made to feel like quotas —

Like tokens in coined phrases? —

“Diversity. Inclusion”

There are days I feel like one, like only —

A lonely blossom in a briar patch of broken promises.

But I’ve always been a thorn in the side of injustice.

Disruptive. Talkative. A distraction.

With a passion that transcends the confines of my consciousness —

Beyond your curriculum, beyond your standards.

I stand here, a manifestation of love and pain,

With veins pumping revolution.

I am the strange fruit that grew too ripe for the poplar tree.

I am a DREAM Act, Dream Deferred incarnate.

I am a movement – an amalgam of memories America would care to forget

My past, alone won’t allow me to sit still.

So my body, like the mind

Cannot be contained.

As educators, rather than raising your voices

Over the rustling of our chains,

Take them off. Un-cuff us.

Unencumbered by the lumbering weight

Of poverty and privilege,

Policy and ignorance.

I was in the 7th grade, when Ms. Parker told me,

“Donovan, we can put your excess energy to good use!”

And she introduced me to the sound of my own voice.

She gave me a stage. A platform.

She told me that our stories are ladders

That make it easier for us to touch the stars.

So climb and grab them.

Keep climbing. Grab them.

Spill your emotions in the big dipper and pour out your soul.

Light up the world with your luminous allure.

To educate requires Galileo-like patience.

Today, when I look my students in the eyes, all I see are constellations.

If you take the time to connect the dots,

You can plot the true shape of their genius —

Shining in their darkest hour.

I look each of my students in the eyes,

And see the same light that aligned Orion’s Belt

And the pyramids of Giza.

I see the same twinkle

That guided Harriet to freedom.

I see them. Beneath their masks and mischief,

Exists an authentic frustration;

An enslavement to your standardized assessments.

At the core, none of us were meant to be common.

We were born to be comets,

Darting across space and time —

Leaving our mark as we crash into everything.

A crater is a reminder that something amazing happened here —

An indelible impact that shook up the world.

Are we not astronomers — looking for the next shooting star?

I teach in hopes of turning content, into rocket ships —

Tribulations into telescopes,

So a child can see their potential from right where they stand.

An injustice is telling them they are stars

Without acknowledging night that surrounds them.

Injustice is telling them education is the key

While you continue to change the locks.

Education is no equalizer —

Rather, it is the sleep that precedes the American Dream.

So wake up — wake up! Lift your voices

Until you’ve patched every hole in a child’s broken sky.

Wake up every child so they know of their celestial potential.

I’ve been a Black hole in the classroom for far too long;

Absorbing everything, without allowing my light to escape.

But those days are done. I belong among the stars.

And so do you. And so do they.

Together, we can inspire galaxies of greatness

For generations to come.

No, sky is not the limit. It is only the beginning.

Lift off.